„Chowanschtschina“ in der Staatsoper

von Lorenz

ich hatte von dieser zweiten oper mussorgskis noch gar nicht gehört, was kein wunder ist, da ich in meinem leben noch keine zehnmal in einer vorstellung war und vermutlich ebensowenige über platte und deren nachfolgerinnen bzw. radio und fernsehen erlebt habe – und wenn, dann eher immer wieder dieselben.

die chowanschtschina hat mich beeindruckt durch ihre radikale herrschaftskritik. sie lässt kein gutes haar an bojar, fürst und zar(ewna). an den beherrschten auch nicht. die fallen auf die spiele rein, bevor sie noch davon erfahren. die herren sind nicht einmal zynisch, sie sind so dumm wie brutal und dürften glauben, was sie von sich geben. und wenn der junge fürst chowanski von liebe spricht, ist vergewaltigung ein teil davon. die strelitzen vergießen blut so unbedenklich wie sie vermutlich spucken. ihre frauen jubeln, wie ihre männer auf befehl der neuen zaren hingerichtet werden sollen. bloß begnadigt sie der neue zar, der große peter. er weiß, was er an solchen typen hat. peter erscheint übrigens so wenig wie sein halbbruder und die so tückisch wie geile zarewna auf der bühne.

der guru der altgläubigen dossifei paktiert mit den verschwörern, den strelitzen-generälen und dem liberalen fürsten golizyn, weil die ihn brauchen können, sie führen nach bedarf alte tradition so beiläufig im mund wie auch einen mordbefehl an einer ihrer gläubigen (fürst golizyn an marfa). diese, marfa, ist die einzige figur mit so etwas wie tragik. sie hat ihr herz an den jungen chowanski gehängt, der sie grad stehen lässt. sie ist auch hellseherin, weiß, was kommt, bloß: weiß sie, was es bedeutet?

von den strelitzen sterben nur die beiden anführer, die chowanskis. golizyn darf in der verbannung überleben, weil die zarewna ihn vielleicht wieder einmal vernaschen will. die altgläubigen entgehen ihrer apokalyptischen abschlachtung durch die petrowzen  (der antichrist ist los, meinen sie) nur, indem sie sich selbst verbrennen lassen. der junge chowanski muss mit ihnen sterben, er betrauert bis zum schluss bloß, dass ihm die neue frau entwischt ist, während marfa neben ihm bis zuletzt an ihrer liebe zu ihm leidet und sich freut, mit ihm zu sterben. vielleicht bildet sie sich sogar ein, dass auch er für den glauben stirbt.

von musik versteh ich ja nur wenig. ich finde sie über weite strecken recht gespenstisch, irgendwie kommt zum ausdruck, dass die handelnden personen „charaktermasken“ sind, die einen ablauf spielen, der typisch ist, schon da war und sich wiederholen wird, ohne dass sie es begreifen. gerade der schlußchor der leute in den flammen schließt wohl ohne die übliche kadenz. so im sinn von „fortsetzung folgt“.

das bühnenbild und seine verwendung durch die regie find ich eigentlich großartig. die handlung spielt im rahmen eines angekohlten gerüsts, in dem ebenen auf- und untertauchen, vertikale hierarchien und zugleich auch vorder- und hintergründe schaffen. die handlung wird dadurch statisch, ich würde sagen: exemplarisch.

 

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